„Bitte reichen Sie uns bis Ende des Quartals Ihren CO₂-Nachweis ein.” Mehr steht da oft nicht. Der Satz kommt aus dem Einkauf eines Großkunden oder steckt in einem Fragebogen zwischen vielen anderen Punkten. Die Frage in der Erstberatung ist dann immer dieselbe: Was sollen wir denn jetzt liefern?
Die Antwort hängt daran, welcher von vier Nachweisen gemeint ist. CCF, PCF, LCA und EPD werden in Anfragen munter vermischt, obwohl sie Unterschiedliches messen, sich auf unterschiedliche Bezugsgrößen beziehen und sehr unterschiedlich viel Aufwand bedeuten. Wer den falschen erstellt, hält am Ende ein Dokument in der Hand, mit dem der Kunde nichts anfangen kann.
CCF: der Fußabdruck Ihres Unternehmens
Der Corporate Carbon Footprint (CCF), auf Deutsch meist Treibhausgas- oder THG-Bilanz, erfasst die Emissionen Ihres Unternehmens über ein Geschäftsjahr. Bezugsgröße ist die Organisation: alle Standorte, der Fuhrpark, die eingekaufte Energie, je nach Umfang auch die vor- und nachgelagerte Wertschöpfung.
Methodisch stützt man sich auf das GHG Protocol (Corporate Accounting and Reporting Standard) oder auf ISO 14064-1, die die Quantifizierung auf Organisationsebene regelt. Ein Detail, das in Anfragen gern durcheinandergeht: Die vertraute Gliederung in Scope 1, 2 und 3 stammt aus dem GHG Protocol. ISO 14064-1 hat den Scope-Begriff mit der Fassung von 2018 aufgegeben und unterscheidet stattdessen direkte und indirekte Emissionen in sechs Kategorien, die sich auf die Scopes abbilden lassen. Soll die Bilanz extern verifiziert werden, greift ISO 14064-3.
Gefordert wird der CCF typischerweise von Großkunden im Lieferantenmanagement, von Banken und Investoren, im Rahmen von Berichtspflichten und Fragebögen sowie im Umweltteil einer EcoVadis-Einreichung. Wichtig dabei: EcoVadis ist ein Rating, keine Zertifizierung nach einer Norm. Bewertet wird ausschließlich, was belegbar dokumentiert eingereicht wird. Eine Zahl aus einem Tabellenblatt ohne beschriebene Methodik und ohne Nachweise bringt dort wenig.
PCF: der Fußabdruck eines Produkts
Der Product Carbon Footprint (PCF) hängt an einer definierten Menge: ein Stück, ein Kilogramm, eine Tonne, eine Palette. Er beantwortet die Frage, wie viel Treibhausgas an einem konkreten Artikel hängt.
Entscheidend ist die Systemgrenze. „Cradle to gate” bedeutet von der Rohstoffgewinnung bis zu Ihrem Werkstor, „cradle to grave” schließt Nutzung und Entsorgung ein. Zwei Zahlen für dasselbe Produkt können sich allein deshalb um ein Vielfaches unterscheiden. Die maßgebliche Norm ist ISO 14067, ergänzend gibt es den Product Standard des GHG Protocol sowie branchenspezifische Regeln, etwa für den Datenaustausch in der Automobilindustrie.
Nachgefragt wird ein PCF fast immer von Kunden, die ihre eigene Scope-3-Bilanz mit echten Lieferantendaten statt mit Durchschnittswerten füllen wollen.
LCA: die Ökobilanz, die über CO₂ hinausgeht
Das Life Cycle Assessment, auf Deutsch Ökobilanz, betrachtet ebenfalls ein Produkt über seinen Lebensweg, allerdings nicht nur mit Blick auf das Klima. Bewertet werden mehrere Wirkungskategorien, etwa Versauerung, Überdüngung, Ozonabbau, Wasser- und Ressourcenverbrauch. Der Klimabeitrag ist eine Kategorie von vielen.
ISO 14040 legt Grundsätze und Rahmenbedingungen fest, ISO 14044 die konkreten Anforderungen. Der Ablauf ist immer derselbe: Ziel und Untersuchungsrahmen festlegen, Sachbilanz erstellen, Wirkungen abschätzen, auswerten.
Als Bild taugt die Formel „ein PCF ist eine Ökobilanz, verkürzt auf eine Wirkungskategorie”. Methodisch greift sie zu kurz. Umgekehrt gilt sie nämlich nicht automatisch: ISO 14067 stellt eigene Anforderungen, unter anderem zum Umgang mit biogenem Kohlenstoff und mit Landnutzungsänderung. Ein auf CO₂ gekürzter Ökobilanzbericht ist deshalb noch kein normkonformer PCF. Eine vollständige Ökobilanz brauchen Sie, wenn Sie Material- oder Konstruktionsvarianten wirklich vergleichen wollen oder wenn ein Abnehmer Umweltwirkungen jenseits von CO₂ sehen will.
EPD: das geprüfte Datenblatt für den Markt
Die Environmental Product Declaration (EPD), deutsch Umweltproduktdeklaration, ist eine Veröffentlichungsform, kein eigenes Messverfahren. Sie beruht auf einer Ökobilanz, wird von unabhängiger Stelle verifiziert und über einen Programmbetreiber veröffentlicht. Die Grundlage bildet ISO 14025, die Typ-III-Umweltdeklarationen regelt. Für Bauprodukte kommt EN 15804 als Kernregel hinzu, in Deutschland ist das Institut Bauen und Umwelt ein verbreiteter Programmbetreiber, und die Datensätze finden sich in der ÖKOBAUDAT.
Ein Punkt, der viel Geld kostet, wenn man ihn übersieht: Die Produktkategorieregeln (PCR) stehen am Anfang, nicht am Ende. Sie legen fest, wie die Ökobilanz zu rechnen ist, also deklarierte Einheit, betrachtete Lebenswegmodule, Indikatorensatz und Abschneidekriterien. Wurde eine Ökobilanz ohne die passende PCR erstellt, lässt sie sich meist nicht nachträglich zur EPD aufwerten, sondern muss neu gerechnet werden.
Verlangt wird eine EPD vor allem in der Bauwirtschaft, von Planern und für Gebäudezertifizierungen wie DGNB, LEED oder BREEAM, zunehmend auch von öffentlichen Auftraggebern. Außerhalb der Bauwirtschaft kommt die Anfrage deutlich seltener, ausgeschlossen ist sie nicht.
Woran Sie am Wortlaut erkennen, was gemeint ist
- CCF, wenn im Text steht: Scope 1, 2 und 3, Unternehmens-Fußabdruck, pro Geschäftsjahr, Standortemissionen, „für unser Lieferantenreporting”, „für unseren Nachhaltigkeitsfragebogen”.
- PCF, wenn es um eine Menge geht: je Stück, je Kilogramm, je Tonne, eine konkrete Artikelnummer, „cradle to gate”, „Emissionsfaktor für das von Ihnen gelieferte Teil”.
- LCA, wenn Begriffe wie Ökobilanz, Wirkungskategorien, Sachbilanz oder ISO 14040 und 14044 fallen, oder wenn zwei Varianten verglichen werden sollen.
- EPD, wenn von Typ III, Verifizierung, EN 15804, ÖKOBAUDAT oder einer Gebäudezertifizierung die Rede ist.
Ein verbreiteter Irrtum am Rande: „Primärdaten” allein sagt noch nichts über die Art des Nachweises. Der Begriff beschreibt die Datenqualität und fällt bei allen vier gleichermaßen. Entscheidend ist der Bezug. Primärdaten zu einem konkreten Artikel deuten auf einen PCF, Primärdaten zu Standorten und Verbräuchen auf den CCF.
Gibt der Wortlaut nichts her, hilft Nachfragen mehr als Raten. Zwei Fragen reichen meist: Beziehen Sie sich auf unser Unternehmen oder auf ein bestimmtes Produkt? Und wofür verwenden Sie den Wert? Rechnet Ihr Kunde den Wert in seine eigene Scope-3-Bilanz ein, braucht er einen produktbezogenen Nachweis. Bewertet er Sie als Lieferanten, meint er die Unternehmensbilanz.
Die Verwechslungen, die am meisten Zeit kosten
Den CCF durch die Stückzahl teilen. Der beliebteste Abkürzungsversuch, und er trägt nicht. Eine Unternehmensbilanz enthält Emissionen, die an keinem einzelnen Produkt hängen, etwa aus Verwaltung und Vertrieb, und sie weist die Vorkette nur aggregiert aus, nicht je Artikel. Beides lässt sich nicht sauber auf ein Stück herunterbrechen.
PCF und Ökobilanz gleichsetzen. Ein PCF beziffert den Klimabeitrag, eine Ökobilanz mehrere Wirkungen. Eine zugesagte Ökobilanz ist mit einem PCF nicht erfüllt.
Einen LCA-Bericht als EPD ausgeben. Zur EPD wird eine Ökobilanz erst durch die Rechnung nach der passenden PCR, die unabhängige Verifizierung und die Veröffentlichung. Ohne diese drei bleibt es eine interne Studie.
Die EPD für ein Umweltsiegel halten. Sie deklariert Zahlen nach festen Regeln, sie bewertet nicht und vergibt keine Note. Gut oder schlecht entscheidet erst der Vergleich innerhalb derselben Produktkategorie und derselben Systemgrenze.
Was worauf aufbaut, und womit Sie anfangen
Zwingend ist nur eine einzige Abfolge: ohne Ökobilanz keine EPD. Alles andere ist eine Priorisierung nach Bedarf, keine methodische Voraussetzung.
In der Praxis steht der CCF meist am Anfang, weil er am häufigsten verlangt wird und die Daten dafür (Energieverbräuche, Kraftstoffe, Kältemittel, Einkaufsvolumina) ohnehin für alles Weitere gebraucht werden. Einen PCF erstellen Sie, sobald ein konkreter Kunde nach einem konkreten Produkt fragt, und zwar für das Produkt, an dem Umsatz hängt, nicht für das gesamte Sortiment. Eine vollständige Ökobilanz lohnt sich, wenn Sie damit Entscheidungen treffen oder wenn Umweltwirkungen jenseits von CO₂ gefordert sind.
Was dagegen nicht aufeinander aufbaut: Aus einem CCF entsteht kein PCF, und aus der Summe Ihrer PCF entsteht kein CCF. Das sind getrennte Rechnungen mit teilweise gemeinsamen Rohdaten.
Die eigentliche Arbeit steckt übrigens selten in der Rechnung, sondern in der Datenerhebung. Software und KI-gestützte Werkzeuge helfen beim Zusammentragen und Zuordnen von Verbrauchs- und Einkaufsdaten, sie nehmen Ihnen die Entscheidungen über Bezugsgröße, Systemgrenze und Datenqualität aber nicht ab. Erfahrungsgemäß sind genau das die Punkte, an denen Nachweise wieder zurückkommen.
Bevor Sie das falsche Dokument erstellen
Wenn Sie eine Anfrage auf dem Tisch haben und nicht sicher sind, was darin eigentlich verlangt wird, schauen wir gemeinsam drauf. In der kostenlosen Erstberatung ordnen wir in 15 Minuten ein, welcher Nachweis gemeint ist, was Sie dafür an Daten brauchen und in welcher Reihenfolge Sie sinnvollerweise vorgehen. Das kostet weniger Zeit, als ein Dokument zu erstellen, das anschließend zurückkommt.
Geschrieben von
Tim Keiler
Geschäftsführer
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen CCF und PCF?
Die Bezugsgröße. Der Corporate Carbon Footprint erfasst die Emissionen Ihres Unternehmens über ein Geschäftsjahr, gegliedert nach Scope 1, 2 und 3. Der Product Carbon Footprint hängt dagegen an einer definierten Menge eines Produkts, also an einem Stück, einem Kilogramm oder einer Tonne. Beide lassen sich nicht ineinander umrechnen: Aus einem CCF entsteht kein PCF, und aus der Summe Ihrer PCF entsteht kein CCF.
Was ist der Unterschied zwischen PCF und Ökobilanz (LCA)?
Der Umfang der betrachteten Wirkungen. Ein PCF beziffert den Klimabeitrag eines Produkts, eine Ökobilanz nach ISO 14040 und 14044 betrachtet mehrere Wirkungskategorien, etwa Versauerung, Überdüngung und Ressourcenverbrauch. Ein auf CO₂ verkürzter Ökobilanzbericht ist allerdings nicht automatisch ein normkonformer PCF: ISO 14067 stellt eigene Anforderungen, unter anderem an den Umgang mit biogenem Kohlenstoff.
Brauche ich eine EPD oder reicht eine Ökobilanz?
Eine EPD setzt zwingend auf einer Ökobilanz auf, aber nicht auf einer beliebigen. Die Produktkategorieregeln legen vorher fest, wie zu rechnen ist. Dazu kommen die unabhängige Verifizierung und die Veröffentlichung über einen Programmbetreiber. Ohne diese Schritte bleibt es eine interne Studie. Gefragt wird nach EPD vor allem in der Bauwirtschaft.
Womit fange ich an, wenn ein Kunde einen CO₂-Nachweis fordert?
Zuerst klären, welcher Nachweis gemeint ist, statt zu raten. Zwei Fragen genügen meist: Geht es um unser Unternehmen oder um ein bestimmtes Produkt, und wofür wird der Wert verwendet? Rechnet der Kunde den Wert in seine eigene Scope-3-Bilanz ein, braucht er einen produktbezogenen Wert. Bewertet er Sie als Lieferanten, meint er die Unternehmensbilanz.